Weiterführende Infos

Die Kenntnis und das richtige Interpretieren von Entwicklungsgefährdungen stellt eine schwierige, aber sehr wichtige Aufgabe in der kinderärztlichen Praxis dar. Die Früherkennung ist einerseits so bedeutungsvoll, weil es kaum einen besseren protektiven Faktor für die Bewältigung späterer lebensgeschichtlicher Belastungen gibt, wie eine komplikationslose frühe Entwicklung. Andererseits besteht die große Gefahr, dass Entwicklungsgefährdungen chronifizieren und so auch die konstruktive Bewältigung späterer Entwicklungsphasen nicht gelingt. 
Für eine gelingende Entwicklung benötigt der Säugling unabdingbar die unterstützende Co-Regulation zur Stabilisierung und Differenzierung durch Mutter und/oder Vater. Damit kommt den Fähigkeiten der Eltern, die Beziehung feinfühlig und altersadäquat zu gestalten und eine gute und sichere Bindung zu ihrem Kind herzustellen, eine wesentliche Bedeutung für die Entwicklung einer stabilen psychischen Struktur des Kindes zu.

Schrei-, Schlaf- und Fütterstörungen gehören zu den häufigen Problemen, die in der kinderärztlichen Praxis vorgestellt werden. Sie betreffen in etwa jedes 4. bis 5. Kind und sie treten nicht selten nebeneinander oder nacheinander beim gleichen Kind auf.

Ursachen können organische oder psychoreaktive Gründe sein (z.B. reaktive Regression nach der Geburt eines Geschwisterkindes, um mehr Aufmerksamkeit von den Eltern zu bekommen). Weitaus häufiger ist aber der Grund für diese Komplikationen eine fehlende Übereinstimmung (Regulationsstörung) zwischen dem Kind und seinen Hauptbezugspersonen. Regulationsstörungen (Misfit), organische Störung und psychoreaktive Ursachen können sehr wohl auch kombiniert auftreten. Eine Differenzialdiagnose ist nicht immer einfach.

Stimmen kindliche Bedürfnisse und Verhalten einerseits und die Erwartungen und Anforderungen der Bezugspersonen andererseits nicht überein, kommt es schnell zu sich verstärkenden und verhärtenden Fehlregulationen, einem sogenannten Misfi (oder Teufelskreislauf), der zu den genannten Problemen führen kann. Das Problem liegt in einer ungünstigen Interaktion, in der die gemeinsame Bewältigung der frühkindlichen Anpassungs- und Entwicklungsaufgabe nicht, oder nur unzureichend gelingt. Die Störung kann nicht allein im Kind und nicht allein in den Eltern angesiedelt werden, sondern entsteht und wird aufrecherhalten im Entwicklungskontext der Eltern-Kind-Beziehung.

Sind etwa die Eltern der irrigen Meinung , sie müssten bestimmen, wieviel ihr Kind essen soll, so werden sie wahrscheinlich von ihrem Kind verlangen, all das zu essen wovon sie meinen, dass es dies zum Überleben benötigt. Das Kind fühlt sich von dem Überangebot überfordert und beginnt, das Essen zu verweigern. Dies verstärkt die Ängste der Eltern ihr Kind könnte zu wenig essen und wird dazu führen, dass sie ihr Kind – oft mit besten Absichten – noch vehementer zum Essen zwingen werden. Bei ungünstiger Weiterentwicklung besteht die Gefahr, dass sich die Fehlregulation (der Misfit) auch auf andere Bereiche der Beziehung zu den Eltern überträgt und die Probleme eskalieren.

Die Behandlung von diesen frühen Komplikationen hat durch die Weiterentwicklung in der klinisch-empirischen Säuglingsforschung u.a. durch den Einsatz von Videoaufzeichnungen der Eltern-Kind-Interaktion neue Perspektiven bekommen. Es ist hierdurch eine exakte Analyse der häufig unbewusst ablaufenden Interaktionsprozesse von Eltern und Kind möglich. Als Material dienen uns videoaufgezeichnete Interaktionssequenzen zwischen Mutter und/oder Vater und dem Baby (Spiel-, Füttersituationen, Still-Face-Paradigma, Spielsituationen zu Dritt etc.). Bei diesen versuchen wir, die individuell einzigartigen Interaktionssequenzen, die einen Teufelskreislauf negativer Gegenseitigkeit erkennen lassen und so zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Störung beitragen, aufzuspüren und verstehbar zu machen. Nach dem gezielten besprechen solcher Interaktionssequenzen mit den Eltern werden mit ihnen Verhaltensalternativen erarbeitet. Psychodynamisch arbeiten wir damit an den Repräsentanzen der Eltern (bewusste und unbewusste Bedeutungszuschreibungen durch elterliche Projektion), die sie von ihrem Säugling oder Kleinkind gebildet haben. Der Säugling soll so von ungünstigen elterlichen Projektionen und Ängste entlastet werden.

Wichtig ist uns auch Sequenzen positiver Gegenseitigkeit zu identifizieren. Diese sogenannten Engelskreise (in denen das Baby durch seine Signale eine voraussagbare und verständliche intuitive Antwort der Mutter / des Vaters auslöst, worauf das Baby mit positiven Rückkopplungssignalen antwortet, die rückwirkend bei der Mutter / dem Vater Selbstvertrauen in ihre intuitiven Elternkompetenzen auslösen oder bestärken) stellen eine sehr wichtige, konkret greif- und fühlbare Ressource für die Säuglings-Kleinkind-Eltern-Psychotherapie dar, die Eltern in ihrer Elternkompetenz und in ihrer Wirksamkeit stärkt.

Wenn Sie uns Patienten überweisen wollen, dann können sich die Betroffenen direkt an uns wenden (sie müssen für den Ersttermin lediglich die Versicherungskarte des Säuglings/Kindes mitbringen). Sehr gerne können Sie als zuweisender Arzt auch im Vorfeld telefonisch oder per Arztbrief mit uns Kontakt aufnehmen und die Überweisungsgründe schildern. In einem Erstgespräch, und in möglicherweise weiteren bis zu 5 folgenden Terminen, erstellen wir die Diagnose und ggf. einen Behandlungsplan. Wenn die Betroffenen es nicht ausschließen, erhalten Sie einen differenzierten Untersuchungsbericht für Ihre Patientenakte und zur ggf. notwendigen medizinischen Mit- oder Weiterbehandlung. Sollte bei uns eine weitergehende Behandlung angezeigt sein, benötigen wir für die Beantragung einen Konsiliarbericht in dem möglicherweise bestehende medizinische Kontraindikationen für eine Eltern-Säuglings-Psychotherapie ausgeschlossen werden.

Das aktuell gebräuchliche Klassifikationssystem ICD 10 bietet für die Diagnose der bei 0-3 jährigen Säuglingen und Kleinkindern vorkommenden Störungen nur sehr ungenaue Kategorien. Daher nehmen wir die Diagnoseerstellung – neben der kassenärztlich notwendigen Verschlüsselung nach den ICD 10 – weitestgehend nach dem ZTT-DC: 0-3 vor (Diagnostische Klassifikation der seelischen Gesundheit und entwicklungsbedingte Störungen der Säuglings- und Kleinkindzeit).

Fachliteratur für Ärzte/Psychotherapeuten:

  • Mechtild Papousek/ Michael Schieche/ Harald Wurmser: Regulationsstörungen der frühen Kindheit. Frühe Risiken und Hilfen im Entwicklungskontext der Eltern-Kind-Beziehungen. Bern: Verlag Hans Huber, 2004
  • Regulationsstörungen der frühen Kindheit. CD-basierte Fortbildung. Stiftung Kindergesundheit (www.kindergesundheit.de). (Exzessives Schreien, frühkindliche Schlafstörungen, frühkindliche Fütter- und Gedeihstörungen und störungsübergreifende Themen werden in Form von Wissensfolien, diagnostischen und therapeutischen Entscheidungsbäumen, Schaubildern, Tabellen und zahlreichen Videobeispielen aus dem Bereich der Eltern-Säuglings-Beratung entfaltet.)
  • Acquarone, S.: Infant-Parent Psychotherapy, A Handbook. London, 2004
  • Klitzing, K. von: Psychotherapie in der frühen Kindheit. Göttingen, 1998
  • Cierpka, M., Windaus, E. u. a. (2007): Manual zur psychoanalytischen Behandlung von Regulationsstörungen, psychischen und psychosomatischen Störungen bei Säuglingen und Kleinkindern unter Verwendung des Fokuskonzeptes. Stuttgart: Brandes und Aspel, 2007